Kunstsammlung Heinrich - Bild des Monats

Wer schon mal in einer herkömmlichen Badewanne gefrühstückt hat, weiß, dass man beim Essen nicht plantschen soll. Das Bildpersonal bei Hans-Hendrik Grimmling führt aber, statt sich artig der Nahrungsaufnahme zu widmen, eine ziemliche Rauferei auf. Sich anzupassen, ist eher nicht seine Sache.
Die Komposition ist expressiv aufgeladen. Diverse Kraftfelder laufen gegeneinander und lassen ein geräuschvolles Idiom entstehen. Im Leipzig der 1980er Jahre zählte Grimmling zu den Lautesten in der Künstlerrunde.
Sein Aufbegehren setzte sich mit Deutlichkeit fort durch seine Teilnahme am Leipziger Herbstsalon 1984, der ersten und einzigen Kunstausstellung in einer großen Messehaus-Etage, die in der DDR nicht staatsoffiziell, sondern angstlos und selbstbewusst halblegal von den Künstlern Lutz Dammbeck, Günter Firit, Hans-Hendrik Grimmling, Frieder Heinze, Günther Huniat und Olaf Wegewitz in Szene gesetzt wurde.
Das großformatige Bild "Frühstück (Selbst) in der Badewanne" hing dort und stellte mit seinen 200 x 150 Zentimetern ein starkes Statement dar. Grimmling hatte es kurz zuvor fertiggestellt und all seine Wut und Unzufriedenheit hineingepackt. Sein Sichaufreiben an den Normen und an den Engführungen des Sozialismus entlädt sich explosionsartig, obwohl das Bild bei allem radikalen Ich-Bewusstsein auch eine gewisse Popsensibilität zeigt und sich trotzdem harmonisch nach allen Seiten öffnet. Spannend, wenn auch nicht eben gefällig im herkömmlichen Sinn, sind jene Bilder von Grimmling, die zu DDR-Zeiten vorwiegend gequälte und niedergeschlagene Wesen zeigen, die daran gehindert werden, zu fliegen und ins Weite aufzusteigen. Er verstand es, seine Figuren zu beseelen, sodass man mehr verspürte als nur den relativ begrenzten Ausdruck von Wut und Drängelei.
Der Herbstsalon wurde von den Mächtigen der DDR als „konterrevolutionär“ eingestuft – eine für die Künstler extrem gefährliche Wertung, die Schlimmes erahnen ließ. Um sich diesem Druck zu entziehen, stellten drei der Herbstsalon-Künstler Ausreiseanträge und gingen nach Westdeutschland ins Exil. Und in der Tat, Grimmlings Kunst war im besten Sinne „konterrevolutionär“, denn sie stellte statt der Verlogenheit der linken Phrasen und hohlen Verlautbarungen echtes Gefühl und eine authentisches Protestgeste dar – in der Badewanne, wo unter diesen Umständen selbst das Private politisch war.
(Text: Christoph Tannert / Foto: Eric Tschernow)
