Kunstsammlung Heinrich - Bild des Monats
Bernd Zimmer - Traum vom Similaun, 1981, Mischtechnik auf Leinwand, 205 x 300 cm
In Bernd Zimmers Bild "Der Traum vom Similaun" folgen wir auf dem Dach Europas einer männlichen Figur auf ihrem Weg in die innere Einkehr. Heile Welt und rauhe Natur begegnen sich im Traum eines Schläfers, den der Künstler in ein feurig leuchtendes Farbenmeer gebettet hat – am Fuß eines wunderschönen Gipfels in den zentralen Ötztaler Alpen. Die Umgebung des Dreitausenders ist eine aus bizarren Felsen und Gletscherzungen bestehende Zyklopenlandschaft, die Bernd Zimmer in expressiver Manier darbietet. Nach Süden fallen die Gipfel schroff ins Vintschgau ab, nach Norden öffnen sich die saftigen Hochalmen des Venter Tals. Hier ein kühles Rosé, dort Dunkelzonen in Tiefblau und Brauntönen, dazwischen Areale unterkühlten Grüns in der Atmosphäre einer archaischen Frostkammer, in der die Durchschnittstemperatur bei minus fünf Grad liegt.
Im Herbst flirren Föhnwinde aus Italien über die Berge. Doch innerhalb von Sekunden kann der Wind am Similaun drehen und eisige Wolkenwände aus Norden herantreiben. Noch heute gilt die Gegend als tückische Wetterfalle. Ob unser Träumer sich im Frostdelirium letzte Gedanken über Blankeis und ungünstige Schneebedingungen macht oder sich bereits im Land anmutiger Schnurkeramikerinnen wähnt, den Einzugsgebieten der „Saligen“, jener weiblichen Sagengestalten, Jungfrauen, die in geheimnisvollen Gletscherpalästen wohnen sollen, sei dahingestellt.
Der Volksschriftsteller und Ötztaler Alpenforscher Hans Haid (geboren 1938) gibt in seinem Buch Similaun Kunde von den Heiligen der Berge, den gefährlichen Lawinenbringerinnen und zugleich zärtlichen Helferinnen der Hirten und Hütejungen, die in nebelgleich wallenden weißen Gewändern in Erscheinung treten. Und während der Schäfer Vigil noch seine Wissende, seine wilde Frau, die er Rusilena nennt, auf Traumbahnen sucht, liegt er bereits, ausgedörrt wie Bündnerfleisch, als Barfußtourist am Blockgrat. Auch „Ötzi“, den berühmten Homo tyrolensis hat man in ähnlicher Lage im Eis gefunden.
(Text: Christoph Tannert / Foto: Eric Tschernow)

