Heimatkunde
icon.crdate29.04.2021
Zum historischen Ortskern von Zaisersweiher - Teil 2
Zum historischen Ortskern von Zaisersweiher - Teil 2
In der Ausgabe der vergangenen Woche wurde beschrieben, wie sich Zaisersweiher zunächst rund um die Kirche St. Johannes mit seinen unregelmäßig gebauten Fachwerkhäusern und fränkischen Hofanlagen zu einem sogenannten „Haufendorf“ entwickelte. Die Ansammlung der Häuser war derart unregelmäßig, dass als „neue“ Mitte des alten Ortskerns heute das Gasthaus „Krone“ (Mühlackerstraße 8) gesehen werden kann.
Gasthaus "Krone"

Zufolge der Inschrift am Kellerrundbogen stammt das zweigeschossige, barocke Fachwerkhaus aus dem Jahr 1748. Das eindrucksvolle Gebäude überragt mit seinem großflächigen Satteldach die umliegenden Häuser. An der Giebel- sowie Traufseite sind Rahmholz und Schwellen reich profiliert. Mit Andreaskreuzausfachungen ist das Erdgeschoss versehen, und das erste Obergeschoss hat Rautenausfachungen. Eine Ohrenrahmung ziert die Fenster. Die Eckständer sind beschnitzt und bemalt. Das schmiedeeiserne, farbig gefasste Wirtshausschild von 1938 ziert eine Krone. Es ist phantasievoll mit dem Innungswappen des Metzgers, Rehen und üppigen Weinranken gestaltet.

Kirchgasse

Geht man vom „Kronenplatz“ aus die Kirchgasse aufwärts, so stehen hier ehemalige Hofanlagen und bisweilen dichtgedrängt Fachwerkhäuser beieinander. Bei dem schön renovierten Gebäude Kirchgasse 21 handelt es sich um einen sogenannten Streckhof, d. h. im vorderen Bereich liegt der Wohntrakt, an den sich unmittelbar Scheunen- und Stallanbau gemeinsam unter einem Satteldach reihen. Das giebelständige Fachwerkwohnhaus ist zweigeschossig, hat zwei Giebelverdachungen, und die Ausfachungen des Erdgeschosses sind mit Andreaskreuzen versehen. Auf die Bauherrschaft weist der linke beschnitzte Eckständer hin, dessen Inschrift den hiesigen Schultheißen „CHRISTIAN RUDOLPH AICHER“ und seine Ehefrau „CATHARINA SIBILLA AICHERIN“ nennt. Christian Rudolph Aicher war nicht nur Landwirt und Schultheiß in Zaisersweiher, sondern auch Barbiermeister. Deshalb ist auf dem mit einem Wickelstab verzierten Eckständer neben den Schriftzügen das Zunftzeichen des Barbiers – die Rasierschüssel – dargestellt. Der Portalstein am Keller des Gebäudes verweist mit den Initialen „C.R.A.“ und „C.S.A“ nochmals auf die Erbauung durch das Ehepaar Aicher und das Baujahr 1745. Allein an der Größe und den aufwendigen Details lässt sich hier der soziale Stand der Besitzer ablesen, denn der Vergleich mit den umliegenden Gehöften zeigt eindeutig, dass die Aichers in recht guten wirtschaftlichen Verhältnissen lebten.

Brettener Straße
Die an die Kirchgasse anschließende Brettener Straße ist mit einigen sehr beachtenswerten Fachwerkgebäuden gesäumt. Das einstige Gasthaus „Hirsch“ von 1809 (Brettener Straße 22) ist ein jüngst renovierter verputzter, giebelständiger Fachwerkbau, dessen Ecken aus Werksteinen zusammengefügt sind. Vis-à-vis steht neben dem ummauerten Kirchhof das ehemalige Armenhaus (Brettener Straße 11–13) aus dem 16. Jahrhundert. Es ist ein zweigeschossiger giebelständiger Fachwerkbau mit geschnitzten Knaggen und profilierten, bemalten Ständern. Jedes Geschoss ist nur mit einem Riegel versehen. Dieses und das gegenüberliegende Fachwerkgebäude (Brettener Straße 20) wurden gelungen instandgesetzt. Letzteres Gebäude drohte aufgrund seines Leerstands ab den 1980er Jahren verloren zu gehen und wäre ein großer Verlust für das Ortsbild gewesen, doch die neuen Eigentümer führen selbst einen Zimmereibetrieb und sind mit alten Handwerkstechniken vertraut. Das reich verzierte, zweigeschossige Fachwerkhaus steht giebelständig zur Straße. Nach seiner baulichen Konstruktion ist das ehemalige Bauernhaus anders angelegt als die übrigen Fachwerkbauten in Zaisersweiher. Es hatte im Erdgeschoss eine Durchfahrt zum Hinterhof zu den Ställen und Scheunen. Hieran ist zu sehen, dass die Brettener Straße ursprünglich höher lag. Der Wohnbereich befand sich im ersten Stock, und die Dachgeschosse – die „Bühne“ – wurden als Speicherräume genutzt. Besonders ansprechend sind die fränkischen Fenstererker im Oberstock über der Toreinfahrt. Einer dendrochronologischen Untersuchung zufolge wurde das Eichenholz für das Fachwerk im Winter 1731 geschlagen und unmittelbar darauf auch verbaut.
Stadtarchiv Maulbronn, Martin Ehlers

Auf diese und viele andere Aspekte geht das von Bürgermeister Andreas Felchle und Stadtarchivar Martin Ehlers herausgegebene „Lesebuch zur Ortsgeschichte“ von Zaisersweiher ein. Obgleich der 450 Seiten umfassende, reich bebilderte Band im Jahr 2000 erschienen ist, behalten die darin beschriebenen Themen nach wie vor ihre Aktualität.
Martin Ehlers / Andreas Felchle (Hrsg.): Zaisersweiher – Ein Lesebuch zur Ortsgeschichte (fester Einband mit Lesebändchen), Preis € 26.-
Im Rathaus und im Buchhandel erhältlich.
